Mein kleiner eigener Ort im Internet
Ich verbringe schon lange mehr Zeit auf den persönlichen Websites interessanter Menschen als auf ihren Social-Media-Profilen. Das klingt vielleicht ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber für mich war das nie nur Nostalgie. Eine eigene Website zeigt oft mehr von einer Person als die Felder, die ein soziales Netzwerk allen vorgibt. Sie zeigt, was jemand wichtig findet. Was jemand weglassen kann. Wie jemand sortiert, schreibt, verlinkt und gestaltet.

Ein eigener Ort im Netz entsteht aus vielen kleinen Entscheidungen.
KI-generierte IllustrationIch selbst habe seit meinem 15. Lebensjahr eine eigene Website. Damals war sie ein Ort für persönliche Interessen und später auch für Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz. Heute bin ich vermutlich bei der sechsten oder siebten Version angekommen. Aus einem jugendlichen „Ich stelle mal etwas ins Netz“ ist über die Jahre ein Ort geworden, der berufliche Arbeit, Projekte, Gedanken und ein bisschen Alltag zusammenhält.
Bei einem Profil scrolle ich durch einen vorgegebenen Ausschnitt. Bei einer Website betrete ich eher einen Ort. Manchmal ist er aufgeräumt, manchmal etwas schräg, manchmal technisch beeindruckend und manchmal super schlicht. Aber fast immer merkt man, dass dort jemand selbst entschieden hat, wie dieser Ort aussehen und funktionieren soll.
Bei meiner eigenen Website ist das ähnlich. Sie ist kein Neuanfang, sondern eher die nächste Renovierung eines Ortes, der mich schon lange begleitet. Früher mit anderen Inhalten, anderen Zielen und sicher auch anderen ästhetischen Entscheidungen. Zum Glück.
Nicht nur ein Profil
Ich habe nichts Grundsätzliches gegen soziale Netzwerke. LinkedIn ist für mich beruflich nützlich. Ich finde dort Menschen, Projekte, Diskussionen und manchmal auch gute Impulse, die ich sonst nicht gesehen hätte. Aber ein Social-Media-Profil ist für mich kein eigener Ort. Es ist eher ein angemieteter Stand auf einem großen Marktplatz.
Das hat Vorteile: Laufkundschaft, Infrastruktur, Suchfunktionen, Reichweite. Aber es gibt eben auch Regeln, die ich nicht gemacht habe. Layout, Sichtbarkeit, Sortierung und Aufmerksamkeit werden stark von der Plattform geprägt. Selbst wenn ich dort etwas Eigenes schreibe, lebt es in einer Umgebung, die auf Bewegung, Reaktion und Nächstes ausgelegt ist.
Eine Website funktioniert anders. Sie muss nicht ständig senden und nicht jeden Tag beweisen, dass sie noch relevant ist. Jemand kann heute auf einen Text stoßen, ihn in drei Monaten wiederfinden und in zwei Jahren immer noch verlinken. Das ist eine andere Art von digitaler Präsenz.
Ein eigener Ort ist auch eine Haltung
Eine wichtige Inspiration für diesen Gedanken war Naz Hamids Artikel Your Site is a Home. Ich mag das Bild, weil es etwas beschreibt, das man technisch leicht übersehen kann: Eine Website ist nicht nur ein Publikationskanal. Sie ist ein Raum, den man gestalten kann.
Für mich ist dieser Raum vielleicht weniger Wohnzimmer und mehr Arbeitszimmer. Ein Ort mit Schreibtisch, Notizen, ein paar Büchern im Regal und Dingen, die noch nicht ganz fertig sind. Nicht alles muss dort präsentiert werden wie auf einer Bühne. Manches darf einfach vorhanden sein, weil es für mich wichtig ist oder weil ich glaube, dass es für andere nützlich sein könnte.
In der IndieWeb-Community gibt es dafür den einfachen, aber starken Gedanken "own your data": Die eigenen Inhalte, die eigene Identität und die eigene Adresse im Netz sollten nicht vollständig von externen Plattformen abhängen. Das klingt schnell wesentlich größer, als es im Alltag sein muss. Für mich heißt es erst einmal nur: Wenn ich einen Gedanken ausformuliere, soll er an einem Ort liegen, den ich kontrollieren kann.
Es macht einen Unterschied, ob die eigene Website der Ausgangspunkt für solche Gedanken ist oder nur ein weiterer Link in einer Bio.
Mehr als eine digitale Visitenkarte
Diese meine Website hat natürlich auch die klassischen Seiten, die man auf einer persönlichen Website erwartet. Es gibt eine Über-mich-Seite, auf der ich knapp erzähle, wer ich bin und woran ich arbeite. Es gibt eine Projektübersicht, weil Projekte oft konkreter erklären, was jemand tut, als jede sauber formulierte Selbstbeschreibung. Und es gibt den Bereich für Artikel, in dem längere Gedanken einen festen Platz bekommen. Und hey, du liest sogar gerade einen davon.
Neu hinzugekommen ist außerdem eine Werkzeuge-Seite, also eine
klassische /uses-Page. Solche Seiten schaue ich mir selbst bei anderen gern
an, weil Werkzeuge immer auch Arbeitsweisen verraten: Geräte, Software,
Infrastruktur, kleine Vorlieben und pragmatische Kompromisse. Meine Liste ist
genau so gemeint: als kuratierter Blick auf die Dinge, die mich im Alltag
begleiten und sich über die Zeit bewährt haben.
Weltbewegend ist das natürlich nicht. Aber ich finde solche Listen sympathisch. Sie erzählen oft mehr über Arbeitsweisen und Vorlieben, als man auf den ersten Blick erwarten würde.
Schreiben ohne Content-Maschine
Der neue Artikelbereich ist für mich der wichtigste Teil der Website. Ich möchte dort wieder regelmäßiger Gedanken teilen, aber nicht im Sinne eines klassischen Blogs mit festem Redaktionsplan. Es geht mir auch nicht darum, möglichst viele suchmaschinenoptimierte Texte zu produzieren. Dafür habe ich weder die richtige Motivation noch den Wunsch, meine Website in eine Content-Maschine zu verwandeln.
Ein wenig Content-Marketing spielt trotzdem eine Rolle. Wenn jemand durch einen Text besser versteht, wie ich über digitale Produkte, Softwaredesign oder Verwaltung denke, ist das hilfreich. Der Ausgangspunkt ist aber eine andere Frage: Welcher Gedanke ist es wert, ordentlich aufgeschrieben zu werden?
Deshalb erhebe ich auch keine Besucherstatistiken. Das hat mit Datenschutz und Datensparsamkeit zu tun, aber nicht ausschließlich. Ich möchte mich gar nicht erst daran gewöhnen, Themen nach Zahlen auszuwählen oder Texte danach zu beurteilen, wie oft sie geklickt wurden. Für diese Website ist mir wichtiger, dass ein Gedanke stimmt und zu mir passt, als dass er gut performt.
Mich interessieren eher persönliche Praxis-Essays: Texte, die aus Erfahrungen, Beobachtungen und wiederkehrenden Fragen entstehen. Themen wie Softwaredesign, Unternehmerkultur oder digitale Verwaltung sind oft zu komplex für einen kurzen Beitrag in einem Feed. Sie brauchen manchmal ein bisschen Raum. Nicht unbedingt 20 Seiten, aber genug Platz, um einen Gedanken nicht nach dem zweiten Absatz schon wieder abzuwürgen.
Ich habe in Projekten oft erlebt, dass bestimmte Themen immer wieder auftauchen. Warum gute digitale Prozesse nicht nur eine Frage der Technik sind. Warum Nutzerfreundlichkeit in Verwaltungsportalen kein dekorativer Zusatz ist. Warum Entscheidungen, die einmal richtig waren, später trotzdem ein Update brauchen können. Solche Gedanken erkläre ich gerne im Gespräch. Aber irgendwann ist es auch angenehm, sie einmal sauber aufzuschreiben und später einfach sagen zu können: Hier, dazu habe ich mal etwas geschrieben.
Das ist nicht sonderlich glamourös, aber ziemlich praktisch.
Gedanken dürfen wachsen
Eine persönliche Website muss für mich nicht nur aus fertigen, endgültigen Texten bestehen. Maggie Appleton beschreibt in ihrem Text über Digital Gardens Websites als Orte, an denen Ideen wachsen, überarbeitet und miteinander verbunden werden können. Das passt gut zu dem, was ich mit meinen Artikeln vorhabe, auch wenn ich hier keinen vollständigen digitalen Garten baue.
Nicht jeder Text muss der abschließende Stand meiner Meinung sein. Positionen verändern sich durch Projekte, Gespräche oder schlicht durch Zeit. Deshalb möchte ich Texte später ergänzen, verlinken oder einordnen können. Ein Plattformbeitrag wirkt oft wie ein Moment; hier kann ein Text ein Dokument bleiben, an dem ich bei Bedarf noch einmal vorbeigehe.
Erst hier, dann anderswo
Ein weiterer hilfreicher Gedanke aus dem IndieWeb ist POSSE: Publish on your Own Site, Syndicate Elsewhere. Also: zuerst auf der eigenen Website veröffentlichen und danach an anderen Orten teilen.
Das ist für mich ein guter Umgang mit Plattformen. Menschen lesen nun mal dort, wo sie ohnehin sind. Wenn ich einen neuen Artikel auf LinkedIn teile, ist das völlig in Ordnung. Aber der eigentliche Text liegt hier. Die Plattform ist dann ein Verteiler und kein Archiv. Hinweis – nicht Heimat.
Das nimmt etwas Druck raus: Ein Text muss hier nicht nach den Regeln eines Feeds funktionieren. Er darf ruhiger anfangen, einen Umweg nehmen und für Menschen geschrieben sein, die wirklich etwas lesen wollen. Wer nur eine schnelle Antwort sucht, fragt heute ohnehin oft eine KI.
Pragmatisch gebaut
Als Webentwickler ist diese Website für mich auch ein technisches Projekt. Ich habe mich für Next.js und Tailwind CSS entschieden, weil beide Werkzeuge gut zu meiner Arbeitsweise passen: modern, performant, gut pflegbar. Kein schweres CMS, kein Baukasten, aber auch kein selbst gebautes System, nur weil ich es könnte.
Als Startpunkt habe ich das Spotlight-Template von Tailwind Plus genutzt. Das ist ein Template für persönliche Websites auf Basis von Next.js, Tailwind CSS, React und MDX. Ich hatte es schon länger auf meiner Liste, weil es sauber gebaut ist und eine gute Mischung aus Struktur, Zurückhaltung und Anpassbarkeit mitbringt. Von dort aus habe ich die Website zu meinem eigenen Ort weitergebaut: angepasst, erweitert, um eigene Komponenten ergänzt und mit nützlichen Funktionen versehen. So ist aus einer guten Vorlage nach und nach etwas Eigenes geworden.
Hätte ich alles komplett neu gestalten und entwickeln können? Klar. Hätte ich mich dabei vermutlich in Details verloren, die für den eigentlichen Zweck dieser Website zweitrangig sind? Ebenfalls klar. Ich habe auch noch einen Job und ein echtes Leben, das nicht komplett für ein persönliches Website-Redesign reserviert ist. Und glaub mir: Das alles hat auch so schon mehr als genug Zeit verschlungen. Meinem perfektionistischen Kopf sei Dank. Manchmal ist die pragmatische Lösung schlicht die bessere.
Hosting, das zur Idee passt
Gehostet wird die Seite bei Uberspace. Das passt für mich gut zur Grundidee dieser Website. Uberspace richtet sich an Menschen, die gerne selbst etwas betreiben, eine Shell nicht als Zumutung empfinden und ein gewisses Maß an technischer Kontrolle schätzen. Auf der Website beschreibt sich Uberspace unter anderem als Hosting für Selbermacher:innen, Kommandozeilenliebhaber:innen und Menschen, die Kontrolle behalten wollen. Das ist natürlich charmant formuliert, trifft den Punkt aber ganz gut.
Die Seite wird aus dem Git-Repository auf den Uberspace gezogen und dort gebaut. Über Web Backends kann ich einen nativen Next.js-Server laufen lassen, statt nur einen statischen Export abzulegen. Das ist nicht an jeder Stelle zwingend nötig, gibt mir aber Flexibilität für später, ohne direkt in die Logik einer großen Hosting-Plattform einzuziehen.
Vercel, Netlify und andere Plattformen können für viele Projekte die richtige Wahl sein. Für diese Website wollte ich bewusst weniger Plattform-Magie und mehr eigenes Verständnis. Dazu kommt, dass mir digitale Souveränität wichtig ist und Uberspace in Deutschland hostet. Für dieses Projekt und für meine persönlichen Daten, die ich in einer eigenen Nextcloud verwalte, ist Uberspace eine gute Wahl.
Was daraus werden soll
Diese Website soll kein großes Manifest sein. Sie soll ein Ort sein, den ich gerne pflege und auf den ich gerne verweise. Ein Ort für meine Arbeit, meine Projekte, meine Gedanken und ein paar Beobachtungen aus dem Alltag zwischen Code, Produktentwicklung, Unternehmertum und öffentlicher Verwaltung.
Vielleicht wird dieser Ort mit der Zeit ordentlicher. Vielleicht auch an manchen Stellen absichtlich chaotischer. Ich möchte ihn nicht zu eng planen, weil darin für mich ein Teil des Reizes liegt. Eine persönliche Website darf sich verändern. Sie darf wachsen, Dinge ausprobieren, alte Entscheidungen überdenken und neue Formen finden.
Wenn du das hier liest und den Weg zu mir gefunden hast: Schön, dass du da bist.
Und wenn du selbst eine persönliche Website hast, schick sie mir gerne. Am besten dort, wo wir uns wahrscheinlich ohnehin begegnen: auf LinkedIn. Ich sehe mir solche Orte immer noch lieber an als fast jedes Profil.
